Ausflug ins Leben

Der Anfang …

Da wird „man“ nun aus einer für den Menschen unsichtbaren und unverständlichen Wirklichkeit einfach so in Zeit und Raum geworfen – ohne Wissen, ohne Erfahrung, ohne ausgeprägte Persönlichkeit, ausgestattet lediglich mit den Genen der Eltern und einem anfangs noch verborgenen kollektiven Bewusstsein – eben beginnendes Leben pur, zunächst vollkommen abhängig von der Fürsorge der Eltern.

Das „Woher“ ist verborgen, das „Wohin“ bleibt offen und der „Sinn“ liegt im Dunkeln. Unser „Background“ – die großen Menschheitsfragen – ist und bleibt für uns zumindest zeitlebens ein unergründliches Geheimnis, dem wir zwar nachdenken, letztlich aber nicht auf die Spur kommen können: Es gibt Dinge, über die wir nichts oder höchstens wenig wissen. Die Herkunft und historische Entwicklung unserer Spezies liegt weitgehend im Dunkel der Vergangenheit.

1953 …

Deutschland anno 1953: An einem Sonntag im Oktober erblickte ich im Ruhrgebiet das Licht der Welt. Bereits seit einigen Jahren war das Leiden des Zweiten Weltkriegs vorüber; das gebeutelte Land erlebte sein sog. „Wirtschaftswunder“ – ein unerwartet schnelles und nachhaltiges Wirtschaftswachstum im Westen Deutschlands. Bereits in ihrem Gründungsjahr 1949 hatte die Bundesrepublik wieder das Wohlstandsniveau und den Grad der Modernität erreicht wie vor dem Krieg.

Dementsprechend waren die Umstände meiner „Menschwerdung“ recht gut; ich wuchs behütet und in einer weitgehend friedlichen und harmonischen Umgebung auf. Natürlich änderte sich das im Laufe der Zeit – das Leben ist schließlich kein „Ponyhof“.

Stationen …
Essen

In einem Vorort von Essen im Ruhrgebiet erblickte ich im Herbst 1953 das Licht der Welt und wuchs im behüteten Umfeld meiner Familie auf. Es folgten Kindergarten, Volksschule und Gymnasium. Im Alter von 14 Jahren wurde ich ins „Weigle-Haus“ (eine christlich orientierte Essener Stadtjugendarbeit) eingeladen; diese Zeit hat mein Leben außerordentlich geprägt. In meinem Elternhaus hatte ich bisher keinerlei christliche Sozialisation erfahren – hier entdeckte ich nun die Inhalte des christlichen Glaubens: Die im Menschen schlummernde Spiritualität war in mir geweckt.

Köln

Nach bestandenem Abitur verschlug es mich zum Lehramtsstudium der Fächer Romanistik und Germanistik nach Köln – ich wollte Gymnasiallehrer werden. Schnell fand ich Kontakt zur Kölner „Studentenmission in Deutschland“ (SMD) und engagierte mich dort. Allerdings wurde mir bereits in den ersten Semestern meines Studiums klar, dass Studienfächer mit Lehramts-Ziel für mich letztlich doch keine Option waren – ich wollte nun meiner Spiritualität Raum geben und Theologie studieren. Und so beendete ich mein Lehramts-Studium und schnupperte mit positivem Ergebnis in ein Studium der Evangelischen Theologie hinein. Da die Theologische Fakultät in Köln nur eine Art Außenposten war, stand schnell ein Wechsel des Studienortes an.

Bonn

Die von Köln aus am nächsten gelegene „richtige“ Theologische Fakultät befand sich in Bonn – ich wechselte also den Studienort und studierte nun Evangelische Theologie mit dem beruflichen Ziel, Gemeindepfarrer zu werden. Nach meinen Examina absolvierte ich die „praktische“ Ausbildung in meiner Bonner Ortsgemeinde und übernahm dann die Pfarrstelle von meinem Vorgänger.

Dort heiratete ich – uns wurden zwei Töchter geschenkt. Nach einigen Jahren trennte ich mich von meiner Frau und geriet dadurch in Konflikt mit den moralischen Vorstellungen der Gemeindeleitung. Ich gab die Bonner Pfarrstelle auf, arbeitete zunächst von Bonn aus einige Monate im „Gemeindeamt für missionarische Dienste“ (GMD) in Düsseldorf, bis ich zum Gemeindepfarrer in eine Remscheider Kirchengemeinde gewählt wurde und zog daraufhin ins Bergische Land.

Remscheid

Meine neue Kirchengemeinde lag in einem Remscheider Vorort und entsprach anfangs sehr meinen Vorstellungen von effektiver Gemeindearbeit; nach einigen Monaten zog auch meine Bonner Freundin mit ihrer Tochter aus erster Ehe nach. Wir heirateten – leider war auch diese Ehe nach knapp zehn Jahren zum Scheitern verurteilt. Obwohl ich nach den beiden „Ehe-Pleiten“ nun keine neue feste Beziehung mehr eingehen wollte, heiratete ich erneut.

Jetzt „passte“ es; wir genossen unbekümmert das Leben und machten uns erste Gedanken über meinen in einigen Jahren anstehenden Ruhestand: Wir begannen einen Anbau an das kleine Ferien-Häuschen meiner Eltern am Niederrhein. In dieser Zeit gerieten wir beide in Konflikt mit der Remscheider Gemeindeleitung; ich gab wieder die Pfarrstelle auf und ging in den vorzeitigen Ruhestand: Wir verließen Remscheid und zogen in das erst halb fertige Haus am Niederrhein.

Venekoten

Nun lebe ich seit Ende 2015 nach all den privaten und beruflichen „Crashs“ als „Ruheständler“ mit meiner Frau mitten in der unglaublich schönen Natur des Niederrheins. Wir sind glücklich in unserer letzten Lebensphase und genießen einfach das Leben – und es geht uns gut. Wir sind nicht „reich“, aber wir kommen in der Regel problemlos zurecht. Meine Frau arbeitet noch in einer hiesigen Kindertagesstätte und fühlt sich dort ausgesprochen wohl.

Hier können wir nun getrost gemeinsam „älter“ werden – mit einem Rückblick auf jetzt knapp siebzig Jahre Leben, in dem es mir wahrlich nicht immer gut ging aber immer gut ausgegangen ist.

Tja – so dachten wir …

Es war schon heftig, was uns da im Winter 2023 urplötzlich „heimgesucht“ und unsere Lebens-Perspektiven massiv ruiniert hat: Meine Frau wurde im Alter von 63 Jahren ohne jede Vorwarnung von einem lebensbedrohlichen Schlaganfall niedergestreckt, der bei ihr ei­ne fundamentale Sprachstörung sowie eine rechtsseitige Lähmung hinterließ; zudem entdeckte man eine defekte Herz­klappe, die durch eine Operation ersetzt wurde.

Ich selbst bin nun 70 Jahre alt und durch chronische Arthrose stark gehbehindert, kann nur mit Stock mühsam und kaum länger schmerzfrei laufen. Für mich ist es daher schwer, nun den gesamten Haushalt irgendwie (zunächst) allein bewältigen zu müssen.

Okay: Es gab schnell zahlreiche Hilfs-Angebote von Freunden und aus der Nachbarschaft, von denen sich viele dann schlicht als „heiße Luft“ entpuppten: Das zunächst große verbale Mitgefühl bröckelte schon nach kurzer Zeit; viele „Freunde“ wurden plötzlich zu selten bis gar nicht mehr gesehenen „Gästen“. Allerdings: Zu unserer Überraschung stehen uns nun Menschen zur Seite, die wir bis dahin gar nicht „auf dem Schirm“ hatten …

Nun denn: Nach fünf langen Monaten Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten kam meine Frau wieder nach Hause. Sie konnte inzwischen einigermaßen gehen, aber ihr rechter Arm ist (noch) gelähmt und Sprechen / Schreiben kann sie (noch) nicht; zum Glück hat sich ihr Wesen kaum oder gar nicht verändert. Ein befreundetes Arzt-Ehepaar aus der Nachbarschaft steht uns zur Seite, und Unterstützung für Haus und Garten haben wir inzwischen organisiert. Die Kommunikation mit der Krankenkasse und vor allem mit der Rentenversicherung entpuppt sich als äußerst kompliziert, mühsam und langwierig. Wir durchleben nun eine mühsame und lang dauernde Zeit mit einer Fülle von Physio-, Ergo- und Logopädie-Sitzungen …

Bei alledem wird mein Glaube interessanterweise letztlich nicht erschüttert, obwohl ich natürlich mit Gott hadere. „Lass Dir an meiner Gnade genügen“, hatte der betende Paulus von Gott erfahren – und das nehme ich irgendwie auch für mich und meine Frau in Anspruch: Der Glaube trägt, auch wenn das Leben zum Alptraum wird …

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