So sieht es aus – unser aktuelles und letztes „Home“. Ende 2015 sind wir – meine Frau Silvia und ich – von der Stadt ins gerade noch rechtzeitig fertig gewordene Eigenheim auf’s Land gezogen. Drei Jahre früher als ursprünglich geplant und getrieben von gewissen beruflichen Umständen; bereut haben wir diesen Schritt nicht eine Sekunde lang. Und wer uns hier besucht, versteht auch sofort, warum …
Okay: Im jungen Jahren wäre es für uns in der Tat völlig absurd und indiskutabel gewesen, ohne das so gewohnte „Flair“ zumindest einer Kleinstadt in der „Pampa“ auf dem „platten Land“ zu leben: Wir hätten schlicht und einfach zu viel vermisst. Für einen Kurzurlaub zum Relaxen hin und wieder gerne ja – aber für immer? Never!!
Nun: Das Leben und damit der Lifestyle ändert sich über die Jahre; mit zunehmendem Alter sieht die Welt dann doch ein wenig anders aus. Viele der bisher hoch geschätzten städtischen Angebote und Möglichkeiten verlieren mehr und mehr ihre Attraktivität. Die früher durchaus als wohltuend empfundene Hektik des städtischen Lebens wird immer mehr zu einem Störfaktor, und auch die in den Ballungsgebieten immer stärker belastete Luft steigt allmählich ins Bewusstsein.
Und so reifte bei uns im Laufe der Jahre mehr und mehr der Gedanke, all diesem zu entfliehen – sofern man denn die Möglichkeiten dazu hat. Spätestens im Renten-Dasein steht vermutlich für viele die Frage an, wo und wie wir denn den Rest unseres Lebens verbringen möchten. Bei meiner Frau und mir hat die „Landlust“ schon früh eine Rolle gespielt: Für uns beide war klar, dass wir unseren Lebensabend nach Möglichkeit in ruhigen Gefilden verbringen wollen. Und diese Überlegungen führten dann dazu, das kleine bisher lediglich gelegentlich als Ferienhaus genutzte Häuschen meiner Eltern am Niederrhein zu renovieren und zu vergrößern.
Mit Hilfe eines ausgesprochen guten regionalen Architekten und zum großen Teil bereits bekannten und geschätzten Handwerkern der Region wurde unser Traum dann schließlich Wirklichkeit. Zugegeben: Er war schon reichlich teuer, dieser Schritt, und wir sind ausgesprochen froh, dass wir uns dies alles dank Sparbüchern, Lebensversicherungen und Kleinkredit gerade mal so eben leisten konnten. Und wie gesagt: Bereut haben wir nichts.
Wir leben richtig gut und genießen jedes Detail hier im „grünen Outback“ des Landschaft-Schutzgebietes der Gemeinde Niederkrüchten. Uns fehlt es an nichts. Kein Vergleich mit der Hektik und der verschmutzten Luft einer Stadt. Das Auto macht wenig Strecke – fast alle Einkaufsziele liegen in der Nähe. Das einzige, was wir in der Tat echt bedauern, ist die Entfernung zu einigen der alten Freundinnen und Freunde – vor allem bei der derzeit nun wirklich desaströsen Verkehrslage in NRW. Dennoch und um es auf den Punkt zu bringen: Für uns hätte es nicht besser kommen können. Wir genießen die entspannte Ruhe hier, die unglaublich intensive Natur, die gute unverpestete Luft, die Weite und das flache Land – jeden Tag neu.
Wohltuende Stille. „Entschleunigung“ ist hier kein Fremdwort. Geweckt wird man durch das morgendliche Konzert vieler Singvögel. Entspannung und Erholung ist angesagt – und das jeden Tag. Die Fülle der Flora und Fauna in Venekoten und Umgebung ist schlicht umwerfend und einfach faszinierend. Hier gibt es noch jede Menge Singvögel und Insekten. Täglich hämmert der Specht, etwa ab Mai ruft der Kuckuck nach einem Weibchen. Igel und Eichhörnchen überqueren die Terrasse. Enten, Gänse und Fischreiher überfliegen den Ort. Füchse, Hasen, Kaninchen, Rehe und Hirsche lassen sich mit etwas Glück sehen. Und der nur ein paar hundert Meter entfernt liegende Venekotensee bietet Fischreihern, Haubentauchern, Enten und Wildgänsen ein passendes Revier. An der Schwalm – das kleine Flüsschen fließt direkt am Venekotensee vorbei – lassen sich Nutria und gelegentlich sogar Biber beobachten. Folgt man der Schwalm Richtung Holland, trifft man auf kleine Weiher mit Fröschen, Schildkröten und Libellen und kann eine weitgehend unberührte Wald- und Heidelandschaft genießen. Wander- und Fahrradwege sind in Fülle vorhanden.
Und auch die Infrastruktur stimmt hier auf dem Land: Strom, Gas, Wasser und halbwegs schnelles Internet und LTE. Gute Einkaufs-Möglichkeiten – vieles in Fahrrad-Nähe: Supermärkte und Discounter sowie Bäcker und Metzger in Elmpt, Brüggen und / oder im Gewerbegebiet Dam, aber auch diverse Hofläden, ein Biohof und ein Weingeschäft ganz in der Nähe sowie eine gut sortierte Fischhandlung in Roermond. Regionale Märkte locken mit einem phantastischen Wildstand. Frische Eier von frei laufenden Hühnern und selbst-geimkerter Honig gibt’s in der Nähe.
Hinzu kommt eine nahe gelegene Autobahn-Anbindung: Nur knapp zwanzig Autominuten über die niederländische Grenze zum „Designer-Outlet“ in Roermond, akzeptable Auto-Entfernung Richtung Mönchengladbach, Viersen, Köln und Düsseldorf. Also: Hier kann man sich schon so richtig wohlfühlen; es fehlt wirklich an nichts. Was bitteschön will man mehr!?
Es war schon heftig, was uns da im Winter 2023 urplötzlich „heimgesucht“ und unsere Lebens-Perspektiven massiv ruiniert hat: Meine Frau wurde im Alter von 63 Jahren ohne jede Vorwarnung von einem lebensbedrohlichen Schlaganfall niedergestreckt, der bei ihr eine fundamentale Sprachstörung sowie eine rechtsseitige Lähmung hinterließ; zudem entdeckte man eine defekte Herzklappe, die durch eine Operation ersetzt wurde.
Ich selbst bin nun 70 Jahre alt und durch chronische Arthrose stark gehbehindert, kann nur mit Stock mühsam und kaum länger schmerzfrei laufen. Für mich ist es daher schwer, nun den gesamten Haushalt irgendwie (zunächst) allein bewältigen zu müssen.
Okay: Es gab schnell zahlreiche Hilfs-Angebote von Freunden und aus der Nachbarschaft, von denen sich viele dann schlicht als „heiße Luft“ entpuppten: Das zunächst große verbale Mitgefühl bröckelte schon nach kurzer Zeit; viele „Freunde“ wurden plötzlich zu selten bis gar nicht mehr gesehenen „Gästen“. Allerdings: Zu unserer Überraschung stehen uns nun Menschen zur Seite, die wir bis dahin gar nicht „auf dem Schirm“ hatten …
Nun denn: Nach fünf langen Monaten Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten kam meine Frau wieder nach Hause. Sie konnte inzwischen einigermaßen gehen, aber ihr rechter Arm ist (noch) gelähmt und Sprechen / Schreiben kann sie (noch) nicht; zum Glück hat sich ihr Wesen kaum oder gar nicht verändert. Ein befreundetes Arzt-Ehepaar aus der Nachbarschaft steht uns zur Seite, und Unterstützung für Haus und Garten haben wir inzwischen organisiert. Die Kommunikation mit der Krankenkasse und vor allem mit der Rentenversicherung entpuppt sich als äußerst kompliziert, mühsam und langwierig. Wir durchleben nun eine mühsame und lang dauernde Zeit mit einer Fülle von Physio-, Ergo- und Logopädie-Sitzungen …
Bei alledem wird mein Glaube interessanterweise letztlich nicht erschüttert, obwohl ich natürlich mit Gott hadere. „Lass Dir an meiner Gnade genügen“, hatte der betende Paulus von Gott erfahren – und das nehme ich irgendwie auch für mich und meine Frau in Anspruch: Der Glaube trägt, auch wenn das Leben zum Alptraum wird …